· 

Plattform-Ökonomie

Beitrag von Miriam Huwiler

Die letzten zwei Monate waren meine Lernenden der Berufsmaturität, Fachrichtung Technik, Architektur und Life Sciences, mit einem spannenden Forschungsprojekt im Fach Wirtschaft+Recht beschäftigt. Wir wollten wissen:

 

(1) Verändern Plattform-Unternehmungen unsere Wirtschaftsstruktur?

(2) Bildet sich eine Spekulationsblase rund um Plattform-Unternehmungen? 

 

1. UnSer Vorgehen

Wie sind wir vorgegangen? Die Lernenden haben sich eine Plattform-Unternehmung ausgesucht und diese in einem Vortrag porträtiert. Dabei standen folgenden Fragestellungen im Zentrum:

 

Teil 1: Geschäftsmodell, Kundennutzen, Zielgruppe, Gründung, Gründer*innen, Geschichte, aktuelle Betreiber*innen, Organisation, Wirtschaftssektor/Branche, Konkurrenz, Alleinstellungsmerkmal?

 

Teil 2: 

  • Welche bestehenden bzw. konkurrierenden Geschäftsmodelle werden durch die Plattform-Unternehmung herausgefordert oder sogar verdrängt?
  • Welchen Einfluss hat die Unternehmung auf die Weltwirtschaft und auf die Gesellschaft?
  • Wie verändert die Plattform-Unternehmung unser Konsumverhalten?

Die Lernenden sollten für Teil 2 ihre eigenen Schlussfolgerungen (auf der Grundlage ihrer Resultate zu Teil 1) mit Aussagen aus unserer ausgesuchten Primärquelle "Plattform-Ökonomie" von Nick Srnicek vergleichen. Srnicek beschreibt in seinem 2018 erschienenen Buch sechs Merkmale der Plattform-Unternehmungen. Diese Merkmale haben wir verwendet, um alle ausgewählten Plattform-Unternehmungen zu vergleichen. Srnicek hat weiter für bekannte, globale Plattformen die Weiterentwicklung beschrieben. Diese Thesen wurden untersucht und mit Argumenten bestätigt oder eine Gegenthese formuliert.

Nach jedem Vortrag in der Klasse haben wir im Plenum spannende Punkte aus Teil 2 diskutiert und die porträtierten Plattformen untereinander verglichen. 

Abschliessend haben wir die Forschungsresultate gesammelt und zusammengestellt. In einem letzten Schritt zogen die Lernenden ihre persönlichen Schlussfolgerungen aus dem Projekt und hielten diese in ihren Lerntagebüchern fest. 

 

2. Forschungsresultate

Srnicek beschreibt folgende Merkmale für Plattform-Unternehmungen:

 

Merkmale 

1. 

Eine Plattform positioniert sich zwischen den NutzerInnen und damit als der Ort, wo die Aktivitäten passieren. Somit hat sie privilegierten Zugang, um die Aktivitäten aufzuzeichnen. 

2. 

Digitale Plattformen erzeugen «Netzwerkeffekte» und sind davon abhängig: Je mehr Personen eine Plattform nutzen, desto wertvoller wird die Plattform für alle anderen. 

3. 

Aus den Merkmalen 1 und 2 ergibt sich, dass Plattformen eine Tendenz zur Monopolbildung entwickeln. Es gibt kaum natürliche Grenzen für ihr Wachstum. Viele Plattformen können ihre Geschäftstätigkeit schnell ausweiten («skalieren»), weil sie von einer bereits bestehenden Infrastruktur und niedrigen Grenzkosten profitieren.   

Beispiel: Uber konnte unter anderem deshalb so schnell wachsen, weil es keine neuen Fabriken bauen muss – es muss nur mehr Server mieten. In Verbindung mit den Netzwerkeffekten bedeutet dies, dass Plattformen in sehr kurzer Zeit sehr stark wachsen können. 

4. 

Plattformen betreiben oft Quersubventionierung: Ein Zweig des Unternehmens senkt den Preis für seine Dienstleistung oder eine Ware (oder stellt sie sogar kostenlos zur Verfügung), während ein anderer Zweig die Preise erhöht, um die dadurch entstehenden Verluste auszugleichen. 

5. 

Plattformen sind so gestaltet, dass NutzerInnen sie attraktiv finden. Oft präsentieren sie sich als leere Räume, in denen andere agieren können (bspw. kann auf Facebook eine eigene Seite kreiert werden, wo man sein Unternehmen präsentieren und mit den eigenen Kunden kommunizieren kann).  

Man darf aber nicht vergessen, dass jede Plattform eine bestimmte Politik verkörpert. Der Inhaber oder die Inhaberin der Plattform setzt die Regeln für die Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen sowie für die Interaktionen auf dem Marktplatz fest. 

6. 

In ihrer Rolle als Vermittlerinnen bekommen Plattformen nicht nur Zugang zu mehr Daten, sie bestimmen und kontrollieren auch die Spielregeln. Die Kernstruktur mit ihren festen Regeln eröffnet auch Raum für Neues, da sie anderen ermöglicht, in unerwarteter Weise darauf aufzubauen (Kreierung neuer Apps usw.).  

 

In der folgenden Tabelle finden Sie unsere Forschungsresultate (grün = trifft zu; rot = trifft nicht zu):

Wir haben festgestellt, dass die Plattform-Unternehmungen durch ein starkes, teilweise globales Wachstum und durch ihre disruptive Kraft  - wie auch Srnicek beschreibt - eine Tendenz zur Monopolbildung haben. Unsere Rechtsordnung kennt diverse Gesetze, um Monopole zu verhindern.  

 

Warum sind Monopole unerwünscht? 

Wenn ein Anbieter den Preis seiner Güter und Dienstleistungen bestimmen kann, dann hat er Marktmacht. Marktmacht führt zu einem unvollkommenen Wettbewerb. Generell bedeutet das, dass die Preise für die Güter und Dienstleistungen für die Konsumenten zu hoch sind. 

 

Liberale Wirtschaftsordnungen versuchen einen vollkommenen Wettbewerb zu ermöglichen. In einem vollkommenen Wettbewerb gelten folgende Bedingungen:  

  • Vollkommene Markttransparenz 
  • Freier Markteintritt 
  • Schnelle Reaktion auf Verhaltensänderungen der Konsumenten 
  • Keine staatlichen Eingriffe 

Eine hochkompetitive Branche ist z.B. die Gastronomie. Der Konsument hat die grösstmögliche Markttransparenz. Er kann selbst beobachten, wie viele Restaurants es gibt, welche Speisen sie anbieten und welche Preise sie dafür verlangen. Durch den in der Schweiz geltenden Gesamtarbeitsvertrag für das Gastgewerbe kann ich als Kunde Rückschlüsse auf die Arbeitsbedingungen ziehen und mir ein eigenes Bild machen. 

Neue Restaurants können jederzeit eröffnet und neue Konzepte ausprobiert werden. Der Betreiber kann schnell auf die Rückmeldungen von Konsumenten reagieren und sein Konzept anpassen. Es gibt kaum staatliche Eingriffe. 

 

Anderes zeichnet sich bei Plattform-Unternehmungen ab. Bei vielen Plattform-Unternehmungen sind diese Bedingungen nicht mehr erfüllt. Vor allem soziale Medien ändern laufend ihre Nutzungsbedingungen. Da sie global agieren, gibt es Missverständnisse, wo welche Nutzungsbedingungen gelten (vgl. aktuelles Beispiel mit Whatsapp). 

Aufgrund des starken Netzwerkeffekts ist es schwierig für einen anderen Anbieter Fuss zu fassen. Zählt ein Netzwerk Millionen Nutzer, müssten sie diese alle zum Wechsel auf ihre Plattform bewegen. Da die bereits vorhandene Plattform über mehr Daten der Nutzer verfügt, ist die Personalisierung weiter fortgeschritten und die Nutzerfreundlichkeit wahrscheinlich grösser, womit eine neue Plattform weitere Nachteile hat. 

Aktuell sind die grossen Plattformen, allen voran die Sozialen Netzwerke, kaum reguliert. Da sie global agieren, kommen nationalstaatliche Gesetze und vor allem die Durchsetzung an ihre Grenzen. Es geht vor allem um Fragen des Datenschutzes. Daten stellen das Kapital der Plattform-Unternehmungen dar. Umso mehr Daten sie besitzen, desto wertvoller sind sie. Umso mehr Daten wir ihnen zur Verfügung stellen, desto personalisierter können sie Produkte und Dienstleistungen von Werbekunden bei den Nutzern bewerben. Srnicek sagt deshalb vor allem den Werbeplattformen keine glorreiche Zukunft voraus: "Werbeplattformen müssen sich vermehrt Bezahlmodellen zuwenden." (S. 125). Er begründet dies auf Seite 123 damit, dass eine Kombination von Wirtschaftskrise, Werbeblockern und Regulierung zu weniger Werbung führen und damit die einzige Einnahmequelle wegfallen wird. Wenn wir für ein Soziales Netzwerk bezahlen, können wir dafür auch einen strengeren Datenschutz erwarten. (Anmerkung: Threema ist eine alternative Messenger-App zu Whatsapp. Whatsapp gehört zu Facebook. Threema kostet im App-Store Fr. 3.-, verspricht dafür einen stärkeren Datenschutz. Die Threema GmbH hat ihren Sitz in Pfäffikon, Kanton Schwyz, und betreibt Server in der Schweiz). 

 

 

3. Schlussfolgerungen

Die Lernenden haben in ihren Lerntagebüchern ihre persönlichen Schlussfolgerungen aus dem Projekt "Plattform-Ökonomie" formuliert. Meine Schlussfolgerungen präsentiere ich hier: 

 

Plattformunternehmungen sind die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts.

 

Viele Plattform-Unternehmungen wurden mit Merkmalen der Sharing Economy gegründet (Teilen anstatt Kaufen). Ein Merkmal der Sharing Economy betrifft die Bedeutung des Eigentums: Das Eigentumsrecht ist das vollständige Verfügungs- und Herrschaftsrecht über eine Sache (ZGB 641). In einer "Wirtschaft des Teilens" wird das Zugangsrecht wichtiger als das Eigentumsrecht. Ich muss freien Zugang haben. Für die Plattformen bedeutet das, dass ich ohne Einschränkungen Zugang zu einem freien Raum habe. Wir haben festgestellt, dass dies nicht auf alle Unternehmen in gleichem Masse zutrifft. Durch die Verwaltung der Zugangsrechte haben die Online-Anbieter eine neue Dimension von Macht (Bsp.: Verweigert Uber einem Fahrer den Zugang zur Plattform, kann er nicht am entsprechenden Arbeitsmarkt teilnehmen). Je mächtiger Plattform-unternehmen werden, desto genauer müssen wir (die Gesellschaft, die Staaten) diese Entwicklung beobachten, wenn wir weiterhin einen freien Wettbewerb ermöglichen wollen.  

 

Je stärker Plattform-Unternehmungen global wachsen, desto grösser sind ihre Monopoltendenzen. Staaten können dieser Entwicklung nur mit nationalstaatlichen Regulatorien (Kartellgesetze, Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, Arbeitsrecht, Sozialversicherungsrecht usw.) entgegenwirken. Es fehlt ein internationaler Rechtsrahmen (und es ist nicht absehbar, dass ein solcher nächstens entstehen wird).  

Als Konsumentinnen und Konsumenten können wir negativen Entwicklungen entgegenwirken, in dem wir lokales Gewerbe oder regionale / nationale Plattformen gegenüber globalen Plattformen bevorzugen. So gibt es z.B. eine App "Crossiety", welche als eine Art "Gemeinde-Facebook" genutzt werden kann.  

 

Die disruptive Kraft von Plattform-Unternehmungen ist gross. Durch die neue Technologie (Web 2.0) und entsprechende Anwendungen sind bisherige Branchen herausgefordert. 

Durch den Netzwerkeffekt bringen Plattformen zutage, dass viele Branchen nicht effektiv zusammenarbeiten. Eine Idee der Lernenden war, dass die lokale Taxibranche eine eigene App herausbringen würde, um so einen Kundennutzen zu generieren und den Wettbewerbsvorteil von Uber zu kompensieren. Das würde aber nur Sinn machen, wenn die vielen verschiedenen Taxiunternehmen sich vernetzen und gemeinsam an einer Lösung arbeiten.  

 

Wir stellen fest, dass die Plattform-Unternehmungen unsere Wirtschaftsstruktur nicht umbauen. Viele sind unterdessen – vor allem die börsenkotierten - genauso gewinnorientiert wie klassische Unternehmungen. Etliche entfernen sich damit von der Sharing-Idee.  Die Plattform-Unternehmungen haben aber die Möglichkeiten des Web 2.0 offenbart, wodurch sich für alle Sektoren und Branchen neue Geschäftsmodelle eröffnen.  

 

Der Hype um viele Plattform-Unternehmungen begründet sich in den Erwartungen der Investoren. Spekulanten treiben zusätzlich die Preise in die Höhe. Wir sollten die Möglichkeit einer Spekulationsblase nicht ausschliessen.  

 


QUELLEN

Literatur

  • Nick Srnicek, Plattform-Kapitalismus, Hamburger Edition, 1. Auflage März 2018 (Originalausgabe "Platform Capitalism", Polity Press Ltd., Cambridge)
  • Geoffrey G. Parker, Marshall W. Van Alstyne, Sangeet Paul Choudary, Die Plattform-Revolution - Von Airbnb, Uber, PayPal und Co. Lernen: Wie neue Plattform-Geschäftsmodelle die Wirtschaft verändern, mitp Verlags GmbH und Co. KG Frechen, 1. Auflage 2017 (Originalausgabe "Platform Revolution: How Networked Markets Are Transforming the Economy - And How to Make Them Work for You, 2016, New York, USA)

Webseiten

Video

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0