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Plattform-Ökonomie 2021

Im letzten Schuljahr startete unser Forschungsprojekt "Plattform-Ökonomie", welches diesen Herbst in seine zweite Runde ging. Die Forschungsergebnisse des letzten Jahrgangs dienten den neuen BM-Vollzeitklassen als Ausgangslage. 

 

1. Unser Vorgehen

Auch in diesem Jahr untersuchten die Studierenden in Gruppen eine ausgewählte Plattform-Unternehmung. Geschäftsmodell, Kundennutzen und Alleinstellungsmerkmal, Zielgruppe und Konkurrenz sollten präsentiert werden. Weiter sollten die Fragen beantwortet werden, inwiefern die Plattform bestehende oder konkurrierende Geschäftsmodelle herausfordert oder verdrängt und welchen Einfluss die Plattform auf unser Konsumverhalten hat. 

Die Studierenden verglichen ihre eigenen Schlussfolgerungen mit Aussagen aus der ausgesuchten Primärquelle "Plattform-Ökonomie" von Nick Srnicek. Srnicek beschreibt in seinem 2018 erschienenen Buch sechs Merkmale der Plattform-Unternehmungen. Diese Merkmale haben wir verwendet, um alle ausgewählten Plattform-Unternehmungen zu vergleichen. 

Nach jeder Präsentation hat die jeweilige Forschungsgruppe eine Plenumsdiskussion moderiert und Fragen aus der Klasse beantwortet. 

Abschliessend haben wir die Forschungsresultate gesammelt und zusammengestellt. Diese präsentieren wir hier. 

 

2. Forschungsresultate

In der folgenden Tabelle finden Sie unsere Forschungsresultate (grün = trifft zu; rot = trifft nicht zu):

Eine Plattform positioniert sich zwischen den Nutzer/innen und damit als der Ort, wo die Aktivitäten zwischen Anbieter und Nachfrager passieren. Dies trifft grundsätzlich auf alle untersuchten Plattformen zu. Bei Nintendo Switch Online allerdings handelt es sich um eine Spiele-Plattform im Abo-Modell, die nur Sinn macht, wenn man eine Nintendo Switch und entsprechende Games gekauft hat. Der Zugang zu Bitcoin Suisse ist eingeschränkt, da ich als Kunde ein Mindestkapital einbringen muss, um an der Plattform teilnehmen zu können.

 

Wie zu erwarten war, sind alle untersuchten Plattformen von Netzwerkeffekten abhängig: Je mehr Personen eine Plattform nutzen, desto wertvoller wird die Plattform für alle anderen. Aus dem Netzwerkeffekt ergibt sich durch starkes Wachstum eine Tendenz zur Monopolbildung. Bei Streaming-Plattformen allerdings wird der Wettbewerb immer härter. Die Medien sprechen vom "Streaming-Krieg". Neben Branchenleader Netflix (in der Schweiz rund 3 Mio. zahlende Nutzer/innen) investieren Amazon Prime, Disney+ und Sky massiv in neue Inhalte, um ihre Marktanteile zu vergrössern. Dabei könnte 2022 für Netflix das erste Jahr sein, in dem das Unternehmen Gewinne erzielt (Quelle). Ob und wann seine Konkurrenten die Gewinnschwelle überschreiten, ist ungewiss. Eine weitere Konkurrenz für Streaming-Plattformen sind die vor allem bei unter 35-Jährigen beliebten Videoportale Youtube und Twitch TV. Twitch TV ist eine Livestreaming-Plattform, auf der hauptsächlich Videospiele und E-Sports live übertragen werden und die Zuschauer/innen im Chat kommunizieren können. Bereits rund 1 Million "Unique Users" nutzen Twitch in der Schweiz.

Es wird spannend die Entwicklung im Streaming-Markt die nächsten Jahre weiter zu beobachten. Es stellt sich die Frage, wie stark der Markt weiter wachsen kann. Die meisten Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten haben nur ein Streaming-Abo. Vergleiche mit dem Ausland aber zeigen, dass ein Haushalt bis zu vier Abos haben könnte. Zudem zeigt sich, dass die junge Generation eher bereit ist für Streaming-Dienste zu bezahlen (Studie Moneyland).

 

Die Plattform Crossiety geht einen ganz eigenen Weg. Der digitale Dorfplatz kommt als lokale und vertrauenswürdige Schweizer App daher. Da die Plattform von einer Gemeinde oder einer Stadt zur Verfügung gestellt werden muss, kann das Unternehmen nicht so schnell wachsen. 

 

Die Quersubventionierung konnten wir nicht bei allen untersuchten Plattformen feststellen. Es geht dabei um einen Zweig des Unternehmens, der den Preis für seine Dienstleistung senkt oder diese sogar kostenlos zur Verfügung stellt, während ein anderer Zweig die Preise erhöht, um die die dadurch entstehenden Verluste auszugleichen. 

 

Die Plattformen sind mehrheitlich keine freien Räume mit vorgegebenen Regeln. Während ich auf Social Media-Plattformen ein eigenes Profil erstellen und mit einer Community interagieren kann, sind andere Plattformen mehr auf das Konsumieren ausgelegt. 

 

Für Plattformen sind Nutzerdaten das wertvollste Gut, das sollte unterdessen allen Nutzer/innen klar sein. Jede Bewegung auf einer Plattform wird aufgezeichnet. Erst dadurch wird es möglich, dass mir Netflix Serien vorschlägt, die mir dann auch tatsächlich gefallen.

Einzig Bitcoin Suisse - da es eine Finanzplattform ist - und Crossiety (die mit Datenschutz werben) scheinen hier Grenzen zu setzen.  

 

3. Schlussfolgerungen

Am Beispiel von Crossiety sehen wir, dass sich Plattform-Unternehmungen soziale Ziele setzen. Nachdem sich die ersten grossen Plattformen zu den Kapitalisten des 21. Jahrhunderts entwickelten (obwohl sie ursprünglich auch aus der Idee der kollaborativen Gesellschaft oder der Sharing Economy entstanden sind; vgl. unsere Forschungsergebnisse von 2020), sehen wir, wie sich Plattformen wie "Too Good to Go" als sinnvolle Lösungen auch in der Schweiz etablieren. 

Auch Hamidreza Hossein von Ecodynamics beschreibt als Trend für 2022, dass Plattformen in den Grundelementen ihres Geschäftsmodells die Lösung der SDGs und Nachhaltigkeitsprobleme berücksichtigen und es in diesem Umfeld zukünftig mehr Plattformen geben wird (Quelle).

 

Plattform-Unternehmungen sind wie andere Unternehmungen offene, dynamische, komplexe, teilweise autonome, ziel- und marktorientierte, produktive, soziale Systeme. Entscheidend für eine Plattform, welche als virtueller Ort dient, an dem Nutzerinnen und Nutzer aktiv sind, ist der Netzwerkeffekt. Eine Plattform ist nur dann wertvoll, wenn sie von vielen Menschen genutzt wird. 

Zu den wertvollsten Plattformen gehören gemäss Dr. Holger Schmidt nach wie vor Apple, Microsoft, Alphabet (Google-Konzern), Amazon und Meta (vormals Facebook):

 

Zum Vergleich finden Sie HIER die 500 erfolgreichsten Schweizer Unternehmen.

 

Wenn auch die Schweiz oder Europa punkto Plattform-Ökonomie kaum zu den USA aufschliessen werden können, setzen doch findige Unternehmerinnen und Unternehmen spannende Plattform-Ideen um. Es bleibt den Nutzerinnen und Nutzern überlassen, welche Ideen sie unterstützen und so zum Erfolg Schweizer und europäischer Plattformen (z.B. Twint oder Messenger Threema) beitragen. Es ist überhaupt fraglich, ob bei der globalen Ausrichtung von Plattform-Unternehmungen mit Niederlassungen auf der ganzen Welt ein kontinentaler Vergleich nützlich ist. 

Die digitale Transformation und der Aufbau von Plattform-Lösungen lässt sich in der Schweiz auch bei Industrie-Unternehmungen wie z.B. der Shiptec AG (Video ab 5:50 Min.) oder der Thermoplan AG beobachten. Beide bauen IoT-Plattformen auf. 

 

Spannend bleibt auch die Entwicklung Schweizer E-Commerce-Plattformen wie Digitec Galaxus. Ihre Expansionspläne nach Deutschland und dem definierten Ziel dort zu den Top 5 zu gehören, sehen wir durchaus positiv, da Digitec Galaxus punkto Nutzerfreundlichkeit und modernem Webauftritt mehr zu bieten hat als Amazon. 

Beim Mobile Payment-Anbieter Twint wird für das weitere Wachstum entscheidend sein, wie die Geschäftsbanken die App implementieren. Banken, die eine Kontoanbindung nicht zulassen und die App dadurch nur Prepaid verwendet werden kann, sind im Nachteil. Der Kunde wechselt entweder die Bank oder verzichtet auf die Nutzung der App. Gemäss schulinterner Umfrage sind 20-jährige eher bereit ein Bankkonto bei einer anderen Bank zu eröffnen, als auf die Vorteile von Twint zu verzichten. Wir hoffen, dass Twint die Expansion ins Ausland gelingen wird (Quelle).

Und wie kann ich als Konsument/in dem Streaming-Krieg entfliehen? Gar nicht! Aber wir hätten da eine Idee: Wie wäre es mit einer Abo-Manager-App?

 

Abschlussbericht Forschungsprojekt SJ21-22 am BBZB Luzern, Abteilung BM Fachrichtung TALS, W+R Miriam Huwiler

 

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