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4-Tage-Woche

Eine Vier-Tage-Woche bedeutet eine Verkürzung der Arbeitszeit bei gleichbleibendem Lohn. Wäre die Einführung der Vier-Tage-Woche in der Schweiz möglich? Dieser spannenden und aktuellen Frage gingen drei Berufsmaturanden in ihrer IDPA (Interdisziplinäre Projektarbeit) nach. 

©Dzmitry - stock.adobe.com
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IDPA Abstract

Island hat in den letzten Jahren zwei grosse Experimente zur Einführung der Vier-Tage-Woche durchgeführt. Sie waren sehr erfolgreich und Island hat sie in einem ausführlichen Auswertungsdossier «Going Public: Iceland’s Journey to a Shorter Working Week» zusammengefasst. Dieses Dossier bildet die Grundlage der vorliegenden Arbeit.

Eine Verkürzung der Arbeitszeit wird in der Bevölkerung und in der Politik zunehmend thematisiert. Die Covid19-Pandemie und die daraus entstandene virtuelle Arbeitsweise haben es noch deutlicher in den Vordergrund gerückt. Daher sind Islands Experimente wichtig für alle anderen Länder, welche eine Entwicklung Richtung Arbeitszeitverkürzung machen wollen. In der Arbeit wird die aktuelle Situation in der Schweiz untersucht und wie die Bevölkerung über eine Einführung der Vier-Tage-Woche denkt. Die Informationen werden durch eine Umfrage, eine Stellungnahme des KMU- und Gewerbeverbands Kanton Luzern (KGL) und zwei Interviews mit Schweizer Unternehmen, welche die Vier-Tage-Woche anwenden, erlangt. Die Resultate werden untereinander und mit dem Auswertungsdossier von Island verglichen, um die These zu beantworten, ob die Einführung der 4-Tage-Woche für die Schweiz möglich wäre.

In Island haben nach erfolgreicher Beendigung der Experimente 86 Prozent der Erwerbsbevölkerung die Möglichkeit auf eine Verkürzung der Arbeitszeit bei gleichbleibendem Lohn. Ein so grosser Erfolg war unerwartet. Der Hauptgrund für die umfangreiche Einführung war, dass bei den Experimenten die Überstunden kaum gestiegen sind und man trotzdem die Leistungs- und Produktivitätsstandards beibehalten konnte. Dafür verantwortlich war die Leistungssteigerung der Mitarbeitenden, die durch erhöhte Motivation und mehr Erholungszeit eingetreten ist. Wo dies nicht ausgereicht hat, wurden Betriebsabläufe und die Organisation des Unternehmens optimiert.

Das für die Arbeit interviewte Unternehmen Seerow Gmbh hat uns Ähnliches berichtet. Ihre Angestellten wurden ebenfalls effizienter. Durch eine optimale Verteilung der Verantwortung und besser organisierte Betriebsabläufe konnte die Produktivität gesteigert werden. Dadurch er-brachten sie die gleiche Leistung in vier Tagen wie zuvor in fünf. Fabian Schneider, der Geschäftsführer, sagte, diese Optimierungen seien schon lange überfällig gewesen und wären auch bei gleichbleibender Arbeitszeit sinnvoll. Die Vier-Tage-Woche zwingt Unternehmen zu sinnvollen und wichtigen Verbesserungen in der Aufbau- und Ablauforganisation.

Die Schweizer Bevölkerung würde eine Vier-Tage-Woche eher befürworten. Die Umfrage zeigte, dass die Mehrheit der Befragten froh um einen zusätzlichen freien Tag wäre. Kritischer steht der KGL der 4-Tage-Woche gegenüber: Unternehmen, bei denen keine Produktivitätssteigerung möglich sei, könnten stark an Attraktivität verlieren. Dadurch könnten die oft schon erheblichen Personalmängel noch weiter verschärft werden.

Das Zusammentragen der Resultate zeigte, dass eine Einführung der Vier-Tage-Woche in der Schweiz möglich wäre. Dies kann aber nicht von heute auf morgen geschehen. Für eine gesamtschweizerische Einführung müssten die Arbeitgebenden und die Arbeitnehmenden, Staat und Bevölkerung allesamt überzeugt sein. Es wurde klar, dass eine Produktivitätssteigerung einfacher möglich ist, als oft gedacht. Viele Unternehmen könnten dies schaffen und würden dadurch auch abgesehen von der Vier-Tage-Woche profitieren.

 

Fachkräftemangel und verhandlungsposition der Arbeitnehmenden

Die Berufsmaturanden mutmassen, dass die Schweizer Regierung keine eigenen Experimente zu einer Einführung der Vier-Tage-Woche durchführen wird, wie dies in Island der Fall war. Vielmehr werden zunehmend einzelne Arbeitgeber dem Vorbild von Unternehmen wie der Seerow GmbH und der Büro a+o Aarau GmbH folgen und die Vier-Tage-Woche einführen. Eine erfolgreiche Umstellung von Grossunternehmen könnte den Prozess beschleunigen und andere Unternehmen vom Prinzip der Vier-Tage-Woche überzeugen. Die drei Verfasser denken, dass der Druck der Arbeitnehmer entscheidend sein wird, ob und wie schnell die Vier-Tage-Woche in gewissen Branchen eingeführt wird. 

Bereits 2019 stellte die UBS in ihrem Wirtschafts-Outlook fest, dass bis in einem Jahrzehnt circa eine halbe Million Arbeitnehmende fehlen könnten. Der Fachkräftemangel betrifft in erster Linie die Ingenieur- und Informatikberufe (Quelle). Diese Entwicklung ermöglicht es den Arbeitnehmenden in Bezug auf Lohn, Ferien und Arbeitszeit eine stärkere Verhandlungsposition gegenüber Arbeitgebern einzunehmen. Die Arbeitgeber mindestens in diesen Bereichen müssten sich entsprechend anpassen, um beim Personalwettbewerb mithalten zu können.

Die Vier-Tage-Woche könnte sich für Arbeitgeber anbieten, um als Unternehmen attraktiv zu bleiben oder attraktiver zu werden. Dies wäre vor allem wichtig, wenn es in der gleichen Branche schon Unternehmen gibt, welche die Vier-Tage-Woche anwenden.

 

Zusammenfassend gehen die Autoren von einer schleppenden Einführung der Vier-Tage-Woche in der Schweiz aus. Je nach Branche wird es schneller oder langsamer vorangehen. Die Politik wird nach ihrer Meinung zunächst keinen Einfluss nehmen (z.B. durch eine Änderung des Arbeitsrechts). Sie gehen davon aus, dass sich der Arbeitsmarkt selbst reguliert. Berufsbranchen, bei welchen eine Einführung der Vier-Tage-Woche nicht möglich ist, könnten allerdings an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Es könnte sein, dass die zuständigen Gewerkschaften auf gesetzliche Änderungen pochen. Die Schweizerische Eidgenossenschaft, Kantone und Gemeinden könnten als Arbeitgeber die Vier-Tage-Woche  in staatlichen Betrieben einführen. In die Marktwirtschaft kann der Staat nur durch Gesetze (Legalitätsprinzip, Art. 5 Abs. 1 BV) eingreifen. Das Obligationenrecht und das Arbeitsgesetz müssten angepasst werden, durch die der Arbeitsmarkt reguliert wird. Dafür ist das Parlament zuständig. Eine Volksinitiative wäre auch denkbar. Dadurch würde aber die Verfassung und nicht ein Bundesgesetz geändert werden.

 

Wir sind gespannt, ob der Blick in die Zukunft, die die IDPA-Gruppe gewonnen hat, Realität wird. 

 

Quelle: IDPA 2022 "4-Tage-Woche" von M. Syfrig, M. Jutz und J. Eichenberger 

 

 

 

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